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Kommt, denn bei uns werdet ihr viel lernen

In meiner Jugend engagierte ich mich in der Nachhilfe für Kinder in einem Slum von Buenos Aires. Gerne verbrachte ich auch etwas Zeit in einer Kapelle am Rande des Slums, um in Stille bei Jesus zu sein. Nachdem die armseligen Häuser des Viertels eines Nachts von einem heftigen Unwetter überschwemmt worden waren, nahm ich beim Beten eine leise Stimme in mir wahr, die murmelte: “Sei mit mir aber gib deine Sicherheit auf, um mit ihnen das Leben zu teilen” Diese Stimme hat mich nicht mehr losgelassen, und ähnlich wie Charles de Foucauld verstand auch ich, „dass ich nicht mehr anders leben konnte als bei ihnen“.

Ein anderes Mal begegnete ich im Bus einer Frau, in deren sanftmütigem Gesicht ich die Züge der indigenen Völker Argentiniens wiedererkannte. Ihr Anblick machte mir schlagartig bewusst, dass ich dazu berufen bin, demütig zu werden, wie Jesus es war und dabei von den Menschen ohne Ansehen zu lernen. Ich habe mit dieser Frau nur ein paar wenige Worte gewechselt, aber ich habe sie nie vergessen. Es war, als hätte ich in diesem Bus Jesus getroffen, ihn „den demütigsten aller Menschen” (Num 12,3).

Später im Noviziat hat mich die Einladung von Kleiner Schwester Magdeleine angesprochen, mich von Jesu Gegenwart in der Eucharistie begeistern zu lassen. Das war mein Weg: Christus in der Eucharistie zu betrachten, zu „verkosten“ und zu versuchen ihn in die Welt auszustrahlen! In einem Brief von Pater Voillaume an Kleine Schwester Magdeleine las ich: „Wenn du mir sagst, dass du betest, weiß ich, dass das nicht nur leere Worte sind. Ich weiß, dass du in einer einfachen, beständigen und ständigen Gegenwart vor Gott lebst.“ Das bestätigte meine Sehnsucht und ich entdeckte, dass Gebet viel mehr ist, als Worte, oder Anbetungszeiten, in denen man die verstreichenden Minuten zählt. Das ganze Leben soll zum Gebet werden und sich in Dank und Fürbitte verschenken.

1988 empfing uns Bischof Jaime de Nevares[1] in Neuquén im Süden Argentiniens mit den Worten: „Endlich kommt ihr!“ Seit langem schon hatte er sich eine Gemeinschaft unter den Mapuche, dem Urvolk Patagoniens, gewünscht. Es war der 6. Januar, der Dreikönigstag. Auch uns hatte der Stern bis an den Ort geführt, an dem er jetzt stehenblieb, in Ruca Choroi.

Während seine Frau uns etwas zu essen zubereitete, befragte uns der Chef des Dorfes, um uns besser zu verstehen: „Seid ihr Lehrerinnen, Krankenschwestern, Schneiderinnen?“ Als wir alles verneinten, setzte er nach: „Aber werdet ihr die Menschen besuchen?“ Als wir das bejahten antwortete er: „Das ist gut, denn dadurch wächst das Vertrauen. Kommt, denn bei uns werdet ihr viel lernen.“

Tatsächlich, wir mussten wirklich alles lernen, angefangen beim Sammeln von Brennmaterial zum Brotbacken und Heizen. Während der langen Fußmärsche auf der Suche nach Feuerholz lernten wir auch viele Heilpflanzen kennen und erlebten den gläubigen Respekt der Menschen gegenüber der Natur.
Einmal, wir waren dabei Pinienkerne zu sammeln, sprach mich Petronilla an. Sie hatte gemerkt, dass ich mich bei einer ihrer Zeremonien im Hintergrund gehalten hatte. Jetzt sagte sie mir: „Ich weiß, dass du aus Respekt nicht näherkommst, aber du sollst wissen, dass auch dein Gebet wichtig für mich ist.“

Schnell wurde auch klar, dass wir ohne ihre Sprache zu sprechen nicht wirklich Teil der Dorfgemeinschaft werden konnten. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht, und versucht ein Wort nach dem anderen zu lernen. Von den Frauen haben wir auch das Weben gelernt, eine Kunst, die von altem Wissen, Stille und Geduld erfüllt ist. Als die Frauen zu mir sagten: „Du bist keine Winka [Fremde] mehr, du bist eine Kleine Mapuche-Schwester“, wusste ich, dass wir durch dieses Handwerk Zugehörigkeit und Identität gewonnen hatten. Doña Ermelinda pflegte oft zu betonen: „Es sind arme Kleine Schwestern, die uns mit Zuneigung umgeben.“

Nach fünfundzwanzig Jahren in Ruca Choroi mussten wir diesen geliebten Ort verlassen und nach Buenos Aires in ein Altersheim ziehen. Noch einmal mussten wir uns an eine völlig neue Umgebung gewöhnen, unsere Sicherheiten hinter uns lassen und lernen, von anderen Menschen abhängig zu sein.

Hier im Heim traf ich unter anderem Doña Marta, eine an Alzheimer leidende Dame, die gerne strickt und mich dabei immer an ihrer Seite willkommen heißt. Wir stricken schweigend miteinander und tauschen nur manchmal ein Lächeln aus. „Du bist in mir geborgen, wenn du liebst, nicht, wenn du dich von meinen Schwestern und Brüdern entfernst.“ Diese Worte, die Charles de Foucauld Jesus in den Mund legt sind wie eine Zusammenfassung meines Lebens und hier erinnere ich mich neu an sie.

Kleine Schwester Maria-Carolina


[1] Zugehörig zur Gruppe der “Kleinen Bischöfe”, die der Spiritualität Charles de Foucaulds folgen