Ein kurzer Augenblick

Du, mein Bruder, meine Schwester, hast aus verschiedenen Gründen, sei es Krieg, Unsicherheit, Armut oder einfach nur dem Traum von einem besseren Leben, das Risiko auf dich genommen, alles vertraute zu verlassen, in der Hoffnung, ein gastfreundlicheres Land zu finden. Wer bin ich, um darüber zu urteilen, deine Entscheidung zu verstehen? Das Einzige, was ich weiß ist, dass sich heute unsere Wege hier auf Lampedusa kreuzen, wo so viele nie ankommen, während du gerade das Meer überquert und dabei dein Leben riskiert hast.
Es sind meistens die Schiffe der Grenz- und Küstenwache, die Migranten wie dich auf die Insel bringen, nachdem sie euch auf dem Meer in aufgegriffen haben. Wenn ihr am Kai ankommt, geht ihr einzeln von Bord und das erste, mit dem du konfrontiert wirst sind die Polizei und Mitarbeitende vom medizinische Dienst. Du bekommst eine Decke, etwas zu essen und zu trinken sowie Flip-Flops, da die meisten von euch barfuß ankommen. Es gibt Bänke um sich zu setzten und das ist bitter nötig, denn ihr seid erschöpft von den Strapazen der Überfahrt. Danach werdet ihr von Bussen des Roten Kreuzes für ein paar Stunden in ein geschlossenes Zentrum gebracht, wo ihr duschen könnt, Essen und Kleidung erhalten. Anschließend werdet ihr wieder auf ein Schiff verfrachtet. Die Überfahrt nach Sizilien dauert noch einmal neun Stunden und dort wartet ihr noch einmal ein oder zwei Tage in einem geschlossenen Zentrum auf euer Urteil. Wie es dann weitergeht, kann ich nicht mehr rekonstruieren, deine Spuren verlieren sich.
Mein Anteil an eurem Weg besteht nur darin, da zu sein und euch mit einem kleinen Willkommensgruß auf Arabisch, Englisch, Französisch oder einfach einem Blick, einem Lächeln zu begrüßen. Wir sind Schwestern aus verschiedenen Kongregationen und helfen bei der Verteilung. Alles geht schnell, sehr schnell, oft sind es nur 30 Minuten.
Die meisten von euch sind Männer, aber es kommen auch Frauen, Kinder und Babys. Normalerweise kommen ihr erschöpft und durchnässt an und häufig habt ihr seit Tagen weder gegessen noch getrunken. Euch so zu sehen, fordert mich heraus und berührt mein Herz!
Manchmal kommt aufgrund des schlechten Wetters kein einziges Boot an und dann gibt es wieder Tage, da verbringen wir viele Stunden am Hafen und empfangen eines nach dem anderen. Einer dieser intensiven Tage ist mir noch sehr gut in Erinnerung:
Das erste Boot landete um 7:30Uhr an einem Strand im Zentrum. Als ich ankam, waren die Polizei und das Rote Kreuz bereits eingetroffen. Unter den Migranten befand sich ein Vater mit seinem siebenjährigen Sohn. Ein Kioskbetreiber schenkte dem Kind spontan einen Ball. Die Freude des Kindes hätte man sehen müssen, aber auch die des Händlers.
Etwas später hat mich ein Mann eingeladen, sich neben ihn zu setzten. Er war gerade erst an Land gegangen und hatte vom Roten Kreuz etwas Wasser, einen Fruchtsaft und ein Brötchen erhalten. Als er mir seinen Saft anbot, versuche ich ihm klar zu machen, dass der doch für ihn bestimmt sei, aber nein, er wollte mir ein Geschenk machen. Also nahm ich an und wir tanken Seite an Seite. Wir schüttelten uns die Hände. Mir schien es, als habe er durch diese Gesten seine Würde wiedergewonnen!
Eine Frau von der Elfenbeinküste kam fast bewusstlos an. Sie war ins Wasser gefallen und beinahe ertrunken. Wir legten sie auf eine Trage. Als ich hörte, dass sie auf Französisch sprach, ging ich zu ihr, um sie zu trösten.
In einem weiteren Boot kamen etwa 100 Migranten an, darunter zwei mit schweren Verbrennungen. Bei der Abfahrt in Libyen war ein Boot in Brand geraten. 16 Menschen verbrannten, allein die zwei Ankommenden haben die Katastrophe überlebt.
Als ich einen Mann zu den Waschräumen begleitete, zog er ein laminiertes Bild der Jungfrau Maria unter seiner Jacke hervor. „Sie ist es, die mich beschützt“, sagte er zu mir.
Am späten Nachmittag bin ich noch einmal in die Krankenstation gegangen, um nach den Verletzten zu sehen. Das sind sehr intensive und wertvolle Momente!
Die Zeit des Ankommens und der ersten Begrüßung ist sehr kurz, aber sie ist Gold wert! Dir helfen, deine Sandalen anzuziehen und deine Füße wahrzunehmen, die so viel über den zurückgelegten Weg verraten. Es ist ein kurzes Stück deines Weges, den ich begleiten darf, dann gehst du wieder alleine weiter, mein Bruder, meine Schwester
Und ich, die ich bleibe, behalte dein Gesicht und diesen kurzen, intensiven Moment der Begegnung in meiner Erinnerung.
Kleine Schwester Colette-Emmanuelle
(Wurde für ein gemeinsames Projekt der Internationalen Union der Generaloberinnen nach Lampedusa gesendet)


