Wer hätte das gedacht

Im Busbahnhof von Anchorage habe ich einen sogenannten „Listening Place“ entdeckt, ein geschützter Ort, der dazu einladen und ermutigen soll sich mitzuteilen, ein Ort des urteilsfreien Zuhörens. Ich begann davon zu träumen, selber einen solchen Raum zu ermöglichen und dieser Traum begleitete mich viele Jahre.
Als ich nach meinem Aufenthalt in Alaska nach Washington zurückkehrte, fand ich Arbeit als Kassiererin in einem Fastfood-Restaurant im Krankenhaus. Die Begegnungen fanden meistens nur im Vorübergehen statt, nur selten nahmen sich die Menschen die Zeit um zu verweilen oder auszuruhen.
Eines Tages hat mich der Leiter der Seelsorge angesprochen und mich eingeladen, an der Ausbildung für die Krankenhausseelsorge teilzunehmen. Wer hätte gedacht, dass mir genau darin dieser Ort geschenkt wurde, an dem aktives Zuhören und Gastfreundschaft für Heilung, Trost und die Annahme der Gnade unerlässlich sind?
Nach und nach begann ich zu verstehen, dass es gerade die zufälligen Begegnungen im Flur oder im Aufzug sind, die den Grundstein bilden für die diskrete Einladung, zuzuhören. Mir wurde neu bewusst, wie sehr das Leben Jesu von seinem Unterwegssein geprägt war und dass es oft die unscheinbaren Orte waren, an denen Wunder geschahen und Herzen berührt wurden: auf der Straße, an einem Brunnen, auf einem Feld und immer in der persönlichen Begegnung und Hinwendung zu einem Menschen.
So ist der Aufzug mein ganz persönlicher Ort der Begegnung und des Zuhörens geworden. Ja, wer hätte das gedacht? Ich selber wohl am allerwenigsten! Es sind oft wenige Sekunden in denen ein heiliger Raum entstehen kann und sei es nur in einem kurzen Blickwechsel, der meinem Gegenüber signalisiert: Ich sehe dich, nehme dich wahr in dem was du trägst. Es sind Patienten, die sich darauf freuen, nach Hause zu gehen, erschöpfte Ärztinnen oder Krankenpfleger, Familienangehörige, die mit Koffern und besorgten Herzen bepackt sind. Manchmal werde ich angesprochen und ich darf teilhaben an vielen Schicksalen und Geschichten, die das Leben schreibt.
Jede Begegnung ist ein Segen und die Einladung, inne zu halten und die Person, deren Fahrt mit dem Aufzug sie zu einer Operation, einem anstrengenden Tag, einem kranken oder sterbenden Familienmitglied führen könnte, wirklich anzuschauen. So viele tragen ihre Geschichte still in ihrem Herzen und warten einfach auf eine Gelegenheit, sie zu teilen.
Die Welt ist voller „Listening Places“, Orte des Zuhörens und der Begegnung, Orte der stillen, diskreten, oft unbemerkt bleibenden Wunder.
Ich bin glücklich, den meinen im Aufzug gefunden zu haben, wo ein paar Sekunden Austausch zu einem echten Herz-zu-Herz-Gespräch werden können. Es braucht nur einen Augenblick… den Augenblick der Geburt, der Gnade, der Offenbarung…!
Kleine Schwester Laura-Lee