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„Dilexi te“

Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des ersten Apostolischen Schreibens von Papst Leo XIV. „Dilexi te” über die Liebe zu den Armen, war die Fraternität eingeladen worden, ein Zeugnis zu geben.  Aus diesem Anlass hat Kleine Schwester Clémence über ihre Erfahrungen bei den Roma berichtet.

Wie sehr wünschte ich mir, dass jetzt Lacri, Pana oder eine andere der Roma-Frauen aus Rumänien an meiner Stelle hier sitzen würde, mit denen wir mehrere Jahre lang das Leben auf einem Brachgelände in Süditalien geteilt haben. Diese Frauen, die, wie uns das Schreiben erinnert, aufgrund ihrer Ausgrenzung „doppelt arm“ sind, in denen wir aber „die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien“ finden.1

Der Moment, als Ancuza mit einem zurückhaltenden Lächeln auf den Lippen und einem großen, noch warmen Brot in den Händen, unsere Baracke betrat, ist in meiner Erinnerung noch ganz lebendig. Mit den Worten: „Für euer Abendessen“ hat sie das Brot in zwei Hälften gebrochen und uns eine davon gegeben. Diese Geste und ihre Großzügigkeit des Teilens, gerade auch im Wissen darum, wie schwer sie für ihren eigenen Lebensunterhalt arbeiten musste, hat uns tief berührt. Trotz der materiellen Armut, sind gerade diese Menschen oft so reich an Menschlichkeit!

Viele von ihnen haben keine Ausbildung, aber sie besitzen eine Weisheit, die durch die Erfahrung der Unsicherheit geprägt ist und dadurch zum Teilen und zur gelebten Solidarität anregt. Papst Leo lädt dazu ein, die „geheimnisvolle Weisheit an(zu)nehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will” 2. Lassen wir uns einladen, ihrem Beispiel zu folgen, denn im angestrengten Bestreben, unseren Reichtum zu bewahren, geht die Solidarität verloren, derer es so dringend bedarf.

„Ich habe dich geliebt“ – diesen Satz durfte Luminiza tief in ihrem Herzen erfahren. Ich sehe uns noch immer auf der Bettkante in ihrer kleinen, aber gepflegten Hütte sitzen, während sie erzählte: „Ich war dieses verlorene, undisziplinierte Schaf, aber er, der Herr, kam, um mich zu suchen. Er nahm mich auf seine Schultern und machte sich mit mir auf den Weg.“

An diesem Tag bewunderte ich ihren Glauben, beneidete sie aber auch darum! Ich spürte deutlich, dass ihre Gottesbeziehung so viel einfacher, direkter und konkreter war als die meine. Deshalb finde ich mich so sehr in diesem Satz aus Dilexi te wieder: „Dies ist eine überraschende Erfahrung […], die zu einer echten Wende in unserem persönlichen Leben wird, wenn wir uns bewusstwerden, dass es gerade die Armen es sind, die uns das Evangelium lehren.“ 3

Ich kann den Moment im Juni 2014 nicht unerwähnt lassen, als ein heftiges Feuer die Hälfte der Baracken auf dem Gelände zerstörte. Innerhalb von wenigen Minuten verbrannte die Lebensgrundlage von sechzig Familien. Auch unsere Baracke war betroffen. Kein Dach mehr über dem Kopf, keine Unterkunft, keine Kleidung, kein Ort zum Kochen… Wir mussten, wie alle anderen, ganz von vorne anfangen. Und doch hörte ich an diesem Tag keine Klagen auf dem Gelände, sondern eine Litanei des Lobes: „Gott sei Dank, wir sind alle am Leben!“. „Gott hat uns bis hierher begleitet, er wird uns nicht im Stich lassen“. „Morgen werden wir mit Gottes Hilfe neu beginnen“. Durch diese Haltung unserer Nachbarinnen und Freunde habe ich diese Fähigkeit entdeckt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: und im vertrauensvollen Überlassen an die Vorsehung Gottes den gegenwärtigen Moment zu leben. In dieser Hinsicht waren und sind sie weiterhin meine „geistlichen Meister“. 4

Danke an Papst Leo für seine Botschaft und dem Wunsch einer „armen Kirche für die Armen“ 5 und „inmitten der Armen“ 6, die er uns mit seinem Schreiben schenkt. Diese apostolische Ermahnung hat es mir ermöglicht, die Jahre, die ich unter unseren Roma-Freunden verbracht habe, Revue passieren zu lassen.  Ich durfte neu entdecken, wie sehr das gemeinsam Erlebte, für mich zu etwas wirklich Sakramentalem geworden ist, genauso wie es das apostolische Schreiben mit den Worten des Heiligen Augustinus ausdrückt: „Der Arme ist nicht nur ein Mensch, dem geholfen werden muss, sondern die sakramentale Gegenwart des Herrn.” 7

Lasst uns also gemeinsam mit ihnen daran arbeiten, eine neue Zivilisation zu verwirklichen, in der die Armen nicht als ein zu lösendes Problem gesehen werden, sondern als Brüder und Schwestern, die es aufzunehmen gilt. Vgl. 8. Denn: Wir alle sind geliebt worden.

Kleine Schwester Clémence

  1. Dilexi te n°12 ↩︎
  2. Dilexi te n°102 ↩︎
  3. Dilexi te n°109 ↩︎
  4. Dilexi te n°63 ↩︎
  5. Dilexit te n°35 ↩︎
  6. Dilexit te n°103 ↩︎
  7. Dilexi te n°44 ↩︎
  8. Dilexi te n°56 ↩︎